Finstere Absichten (Episode 3)

Warnung: diese Geschichte enthält Gewalt, Kraftausdrücke, erwachsene Inhalte, fantastische Elemente, wilde Bestien, schwarze Magie, fragwürdigen Humor und vieles mehr. Lesen auf eigene Gefahr! Viel Spaß mit der Geschichte von Lissa, der Monsterschlächterin.

Mit Leichtigkeit hatte er die Kinder eingefangen und in sein Versteck gebracht. Aber ihr andauerndes Geheule machte ihn verrückt. “Ruhe!”, befahl er mit einer rauen, finsteren Stimme. Endlich verstummte das Weinen und nur ein leises Wimmern blieb zurück.

Zufrieden trat die Gestalt auf den Balkon raus. In einen dunklen Umhang gehüllt beaufsichtigte er seine loyalen Diener, die unermüdlich im Hof arbeiteten. In diesem Tempo würde sein Wunsch der größte Bösewicht, den die Welt je gesehen hatte, schneller wahr werden, als er je zu träumen gewagt hatte.

In freudiger Erwartung faltete er seine Hände. Bald würde sein Bote sein Ziel erreichen. Und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bürger der Herzlande bei der bloßen Erwähnung seines Namens erzittern würden. Langsam schwoll sein Lachen von einem verhaltenem Gackern zu einem manischen Gelächter heran.

*

Nachdem er einen Drachenkopf, der für eine kurze Zeit von einem Einhornkadaver begleitet worden war, bevor sie ihn an den höchsten Bieter auf einer Auktion in Schwarzsumpf verkauft hatten, quer durchs halbe Land geschleppt hatte, war Milton erleichtert als sie Nordkreuz erreichten und endlich das Kopfgeld abkassierten.

Milton hatte sich gefreut, ein oder zwei Tage zur Ruhe zu kommen, obwohl er die Siedlung sofort hasste. Ihre Nähe zum Gebirge, das die Kernlande von der Grenzregion trennte, machte es zum Inbegriff eines Provinznests. Aber Lissa hatte seit ihrer Begegnung mit dem Einhorn nicht mehr den Wagen verlassen. Er war sich also sicher, dass sie es langsam angehen lassen würden.

Aber er lag falsch. Lissa war pünktlich wieder auf den Beinen, um der Truppe zu befehlen, weiterzuziehen, um so schnell wie möglich die Nordgipfel zu überwinden. Die Grenzlande waren immerhin der Ort, an dem sie sein sollten. Als Monsterschlächter war es unendlich lukrativer und hilfreicher in einem Land zu sein, das von gefährlichen Bestien und Monstern überschwemmt war.

Natürlich hatte Milton sich beschwert. Und natürlich hat es niemanden interessiert. Und so sah sich der ehemalige Student schneller zurück auf einer verlassenen Straße durch den Einsamen Wald als er es sich gewünscht hätte. Zumindest musste er nicht mehr den Gestank des verrotendenen Drachen aushalten. Und Laufen war ohne die Extralast bedeutend einfacher.

Trotzdem war Milton mal wieder zurück gefallen, holte sie aber wieder ein, als ihr Wagen unerwartet anhielt. Er lief vorbei und schloss sich seinen Gefährten an der Spitze an.

“Was ist das?”, fragte Cam. Die junge blonde Frau war, soweit Milton es heraus gefunden hatte, für die Jagd und damit auch für die Verpflegung der Gruppe verantwortlich. Oder etwas in der Art. Milton verstand immer noch nicht genau, wer zur Gruppe gehörte und welche Rolle sie in dieser seltsamen Konstellation spielten. Sie zeigte nach vorne, und Milton verstand, warum sie verwirrt war.

Dort war ein Skelett. Aber nicht ein unbewegliches, dekoratives wie sie es in seinem Gedichtsclub an der Universität gehabt hatten, um die richtige dramatische Atmosphäre für ihre Mitternachtslesungen zu erschaffen. Damals ging das Gerücht um, dass es ein echtes gewesen war, aber Milton hatte damals seine Zweifel gehabt.

Dieses jedoch bewegte sich. Hilflos taumelte es herum, stolperte über Steine und stieß mit Bäumen zusammen. Offensichtlich versuchte es irgendwo hinzukommen. Es bemerkte sie überhaupt nicht.

Miltons Erfahrung machte ihn selbstbewusst genug, um Cam zu erklären, was sie da vor sich sahen. “Das ist ein Skelett. Weißt du, wenn Menschen sterben und-”

“Danke aber nicht nötig, Idiot.”, knurrte Cam. “Ich weiß, was ein Skelett ist. Aber warum läuft es so? Warum bewegt es sich überhaupt?” Erst dann verstand Milton und errötete.

“Dunkle Magie. Wahrscheinlich lässt sie nach, aber trotzdem…” Besorgte Falten zeigten sich auf Lissas Stirn. “Vielleicht bringt das Licht ins Dunkel.”, sagte Ox und zeigte auf die Schriftrolle, die das Ding zwischen seinen knochigen Fingern hielt. “Lasst es uns herausfinden.” Lissa ließ ihre Fingerknöchel knacken.

Das Skelett sah sie nicht kommen. Wenn es nicht längst tot gewesen wäre, hätte Milton Mitleid mit der armen Kreatur gehabt, als die Schlächterin es schnell beseitigte und nur eine Ansammlung von gebrochenen Knochen zurückblieb.

Lissa öffnete die Rolle und las laut vor: “ ‘Unwürdige Bauern und künftige Sklaven, Ich, der schrecklichste Hexenmeister aller Zeiten, habe eure Kinder gefangen. Wenn der Mond wieder voll am Himmel steht, bringt ein Opfer, das meiner Größe angemessen ist, zur verlassenen Burg, und ihr kriegt euren Nachwuchs zurück. Folgt meinen Forderungen, und ihnen wird kein Haar gekrümmt. Weigert euch, und sie werden Opfer für meine dunklen Meister. Fürchtet meinen Namen…’ Weiß der Teufel, was da steht. Ich kann die Sauklaue einer Unterschrift nicht lesen.”

Sie zeigte ihnen die Seite mit dem undefinierbaren Gekritzel am Ende, und alle versuchten sie zu entziffern. Aber jeder Versuch scheiterte.

“Naja, wenigstens ist eine Wegbeschreibung dabei.”, sagte Milton, der die Hand gezeichnete Karte am Ende der Nachricht untersuchte. “Könnte eine Falle sein.”, sagte Ox. “Ganz sicher. Mit Hexenmeistern ist nicht zu spaßen.” Lissa, die mehr Erfahrung mit ihnen hatte als ihr lieb war, machte ein ernstes Gesicht. “Können die Kinder aber nicht hängen lassen.”, sagte Cam und kratzte sich am Kinn. Sie stimmten ihr zu.

Gegen das Böse zu kämpfen und die Schwachen zu retten! Die Aussicht einer Heldentat begeisterte Milton einmal mehr. Er machte einen Satz nach vorne und zeigte in die Richtung, aus der das Skelett gekommen war. “Worauf warten wir? Los geht’s!”

Lissas Antwort war glasklar. “Nein, nein, nein. DU bleibst hier. Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet. Es könnte genauso gut die Hölle auf Erden sein.” Aber Milton bestand darauf, mitzukommen.

“Also gut. Was auch immer. Interessiert mich doch nicht, wenn du unbedingt draufgehen willst.”, gab sie nach und verdrehte die Augen. “Dann mach dich wenigstens nützlich, schnapp dir eine Waffe und zieh eine Rüstung an.”

Unentschlossen stand Milton vor der gewaltigen Sammlung an Waffen und Rüstungen, die sie im Planwagen mit sich führten. Was sollte er sich aussuchen? Ein gigantisches Schwert fiel ihm zuerst ins Auge. Oder die zweihändige Axt? Oder doch besser mit dem starken Kriegsbogen auf Distanz bleiben? Oder vielleicht sollte er einen ganz anderen Weg einschlagen und die Zwillingsschwerter nehmen, die besser zu seiner eigenen Eleganz passten. Ja, er würde die glänzende Plattenrüstung nehmen, um wie ein Ritter auszusehen.

Bevor er sich für irgendetwas entscheiden konnte, drückte Ox ihm ein langes Kettenhemd, einen Helm und eine Keule, die wie ein größer Ast aussah, in die Hände. “Keine Diskussion”, sagte der riesige Mann und klang wie ein besorgter Vater. “Aber das ist nur ein Stock!” – “Ja, wir treffen sicher auf mehr Skelette. Viel effektiver als jede Klinge. Außerdem schneidest du dich nicht selbst auf. Und wo wir dabei sind, schnapp dir ein Schild.”

Milton fühlte sich lächerlich, als er das Outfit anprobierte. Das Kettenhemd hing weit über seine Knie. Der Geruch von altem Schweiß, den die Polsterung des Helms verströmte, widerte ihn zutiefst an. Mit jeder Bewegung rutschte der Helmrand runter und blockierte seine Sicht.

Mürrisch hielt er den Knüppel in einer Hand, das Schild in der anderen. “Ich fühle mich wie ein Kind.”, beschwerte er sich. Aber Ox sah zufrieden aus. “Perfekt!”

Lissa hatte eine leichte Gambeson mit einem Kettenhemd darunter angezogen, um maximale Beweglichkeit und Schutz vor dem was sie erwarten würde zu gewährleisten. Ein Streitkolben hing an einer Schlaufe ihres Gürtels. Daneben befestigte die Schlächterin eine Schwertscheide und warf sich ein farbloses Dreieckschild über die Schulter. Sie ließen den Wagen in der Obhut der nicht kämpfenden Gruppenmitglieder zurück und zogen los.

“Treten wir dem Hexer in den Arsch!”, sagte Lissa, bevor sie Cam vorausschickte, um den Weg auszukundschaften.

*

Endlich hatte er Ruhe. Seine Geiseln hatten ihn fast um den Verstand gebracht und machten jedes Planen unmöglich. Seit er sie auf ein tieferes Stockwerk seiner Burg verlegt hatte, besserte es sich deutlich.

Zusätzlich erlaubte es ihm, den schweren Umhang abzulegen. Er verstand vollkommen, dass er notwendig war, um düster und gefährlich auszusehen, aber es wurde einfach zu heiß unter dem verdammten Ding. Um sich abzukühlen, ging er die Burgmauer auf und ab.

Vor einer Ewigkeit, oder zumindest fühlte es sich so an, hatte er seinen Diener mit der Botschaft ausgeschickt. Jeden Moment erwartete er seine Rückkehr. Oder, und das wäre noch besser, eine Gruppe Abenteurer, die an seiner Tür klopften.

Jeder Schurke musste sich früher oder später gegen möchtegern Helden beweisen. Und er freute sich schon darauf, seine Fähigkeiten zu zeigen. Es würde ihn entschieden näher an sein ultimatives Ziel bringen. “Weltherrschaft!… Nein, das fühlt sich nicht richtig an. Unendliche Macht? Unvorstellbarer Reichtum? Ewige Jugend?”, brabbelte er vor sich hin und gestikulierte Wild. Es gab einfach zu viel zur Auswahl. Woher sollte er wissen, was er wollte?

Sofort hielt er inne, als er Stimmen von der anderen Seite der Mauer hörte. Seine Aufregung wuchs, als er erkannte, dass seine Gegenspieler angekommen waren. “Endlich! Zeit sie mit großen Gesten einzuschüchtern.”

*

Zu ihrer Überraschung fanden sie keine Fallen auf dem Weg. Aber das beunruhigte sie noch mehr. Außer Milton, der seinen Helm in einem unbeobachteten Moment ins Gebüsch geworfen hatte. Cam war voraus gegangen, die Umgebung der Burg auszukundschaften, und schloss sich ihnen wieder an, als sie sich dem alten, eingestürzten Gebäude näherten.

“Das Tor ist verschlossen. Aber um die Ecke gibt es einen Durchbruch.” – “Wer ist das?”, fragte Ox und zeigte zur Mauerkrone hoch. Dort war eine gebrechliche Gestalt, die ihnen irgendetwas zurief und fieberhaft winkte. “Was sagt er?” Cam zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung. Noch eine Geisel, vielleicht?” Ox kniff die Augen zusammen und streichelte seinen Bart nachdenklich, als er versuchte die Bewegungen zu interpretieren. “Sieht zumindest danach aus…”, murmelte er.

Lissa schwang das Schild von ihrem Rücken und schnappte es, bevor sie ihre Waffe löste. Der Streitkolben sah bedeutend einschüchternder aber auch deutlich schwerer als Miltons Keule aus. “Dann verschwenden wir keine Zeit. Bleibt zusammen.”

“Wartet!”, rief Milton lauter als er beabsichtigt hatte. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er in seiner Tasche kramte und triumphierend eine goldene Haarklammer mit dem Wappen seiner Familie drauf hervorzog.

Der Helm hatte seine Haare durcheinander gebracht, und Milton wollte das beheben, bevor der Kampf startete. Zum Ärger seiner Teamkollegen ließ er sich Zeit, seine schulterlangen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zu ordnen. Er stellte sicher, dass zwei Strähnen übrig blieben, um sein Gesicht einzurahmen, bevor er sein Haar mit der Klammer fixierte. “Okay. Ich bin bereit.”

Stöhnend ersparten sie ihm jeden Kommentar und betraten endlich die Burg durch den Durchbruch in der Mauer. Im Hof hielt die kleine Gruppe sofort inne. Milton wusste, dass er Angst hätte haben sollen. Aber er hatte keine.

“Was machen die denn da?”, fragte Ox genauso stutzig wie Milton. Eine kleine Armee von Skeletten bevölkerte den Hof. Einige, wie das Skelett an der Schmiede, das mit dem falschen Ende des Hammers zuschlug, gingen Aufgaben nach, führten sie aber furchtbar aus. Milton war ziemlich sicher, dass nicht einmal ein Rohling auf dem Amboss lag.

Andere vervollständigten die Illusion von Tüchtigkeit mit unbewaffneten Wachgängen. Sie liefen seltsame Wege und stießen wie ihr Gefährte, den sie im Wald getroffen hatten, mit jedem denkbaren Hindernis zusammen. Es war ein seltsamer Anblick. “Ich… weiß es… nicht… Bleibt wachsam.”, warnte Lissa.

Keines von ihnen reagierte, als die Gruppe anfing sie auseinander zu nehmen und ihren Weg durch den Hof freizuräumen. Durch Zufall näherte sich eines der Skelette Milton, der stolpernd zurückwich. Aber es lief gegen eine Kiste und fiel. Sein Mut kehrte zurück und Milton landete einen Treffer mit seinem Knüppel, der kaum einen Kratzer auf den nackten Knochen hinterließ.

Begeistert ließ er einen konstanten Schlaghagel auf den Schädel niederprasseln. Dass er ihm kaum Schaden zufügte, interessierte Milton nicht. Er fühlte sich großartig. Erhaben. Währenddessen strampelte das Skelett hilflos und wusste nicht, was zur Hölle los war.

Ox, der sich für seinen Begleiter schämte, räusperte sich und Milton hielt inne. Die Gruppe hatte den kompletten Hof schon gesäubert und nur zerlegte und gebrochene Knochen hinter sich gelassen. Sie waren schon weiter in das Gebäude vorgedrungen. Der große Mann zerschmetterte den Schädel von Miltons Gegner unter seinem Stiefel und trieb ihn weiter voran, damit sie nicht zurückfielen.

*

Diese Abenteurer waren schneller mit seiner Armee aus gesichtslosen Dienern fertig geworden, als er gedacht hätte. Aber letzten Endes musste es genau so sein. Er warf den schweren Umgang über seinen gebrechlichen Körper und grinste böse.

Die finale Konfrontation. Helden versus Schurke. Der Moment, auf den er so hart hingearbeitet hatte, war endlich gekommen. Er würde seinen Wert beweisen und die Leiter aufsteigen. Zuversichtlich zog er die Kapuze über seinen Kopf. Und wenn alle Stricke reißen sollten, hatte er noch immer ein Ass im Ärmel.

Gerade noch rechtzeitig hatte er seine Vorbereitungen abgeschlossen, als die Gruppe mit gezogenen Waffen durch die Tür stürzte. Dramatisch breitete er die Arme aus und erhob seine Stimme, wie er es schon so oft vor dem Spiegel geprobt hatte. “Willkommen zu eurem Ende-” “Schnappt ihn!”, rief die erschreckend aussehende Frau und verlor keine Zeit. Sie übernahm die Führung und zeigte mit ihrem scheußlichen Streitkolben auf ihm. Der große Typ und die drahtige Blonde sicherten ihre Flanken und sie rückten als geschlossene Einheit vor.

Verärgert zuckte er. “Ihr werdet für eure Unverschämtheit zahlen!”, rief er und zog eine Glaskugel aus seiner Tasche. Als die Gruppe auf halbem Weg war, zerbrach er sie auf dem Boden. Milchiger Nebel breitete sich schnell aus. Er wirbelte und bewegte sich, als wäre er von einer unsichtbaren Hand geführt, bis er ihre Körper komplett verhüllt hatte. Sie erstarrten schlagartig.

“Leute, was ist los?”, fragte der hübsche blonde Jüngling, der sich zurück gehalten hatte. Das musste ihr Anführer sein, dachte er. Eingebildet und selbstgefällig, genau wie er sich sein erstes Opfer vorgestellt hatte. “Deine Freunde nehmen eine Auszeit. Für immer!” Er lachte. “Also gut… wo war ich?” Um seine Fassung zurück zu gewinnen, nahm er sich einen Moment, um tief durchzuatmen. Immerhin war es sein großer Moment, und er musste perfekt sein.

“Willkommen zu eurem Ende, Helden! Ihr habt tapfer-” “Hey, ernsthaft, hört auf mit dem Quatsch! Ich versteh schon…” Der junge Held hatte zu seinen Gefährten aufgeschlossen schüttelte sie. Aber dank seinem Zauber konnten sie nicht einmal Blinzeln. “RUHE!”, brach es aus ihm heraus.

Endlich schenkte ihm der Kerl seine Aufmerksamkeit. “Wer bist du überhaupt? Und was willst du?”, fragte er dümmlich. Während seiner gesamten Vorbereitungen hatte er keine hohe Meinung von Helden gehabt. Normalerweise waren sie mehr Muskeln als Hirn, aber dieser setzte dem ganzen die Krone auf und war weder noch. “Wenn du mir zuhören würdest, dann wüsstest du das. Ich war gerade dabei, dir genau das zu erzählen.”

*

“Tobi?!” Milton konnte sein Lachen nicht zurückhalten. Er hatte noch nie zuvor einen Anhänger der dunklen Künste getroffen, aber er war sich sicher, dass kein Hexenmeister mit ein bisschen Respekt für sich selbst sich jemals Tobi nennen würde. “Also,Tobi… Was-”, er schnaubte amüsiert. Es kostete ihn einiges an Disziplin, weiter zu sprechen. “Entschuldige. Was willst du?”

Obwohl Milton das Gesicht des Hexers nicht unter der Kapuze ausmachen konnte, spürte er, dass dieser Tobi Typ vor Wut schäumte. “Ich hatte eigentlich vor, dir meinen großen Plan zu erläutern und dir so meinen überlegenen Verstand zu beweisen, bevor ich euch alle töte. Aber jetzt… jetzt will ich dich einfach nur leiden sehen!”, schrie Tobi mit einer quietschenden Stimme. Dem folgte ein finster klingender Zauber.

Als die akkurat gestapelten Knochen zu beiden Seiten des Hexers anfingen sich zu bewegen, hörte Milton sofort auf zu lachen. Zwei riesige Hunde formten sich aus den Knochen und heulten gemeinsam auf. Plötzlich sah die Situation bedeutend schlechter aus mit den anderen immer noch außer Gefecht.

Einer von ihnen machte einen Satz nach vorne und rannte auf ihn zu. Milton versteckte sich hinter seinem Schild und schloss die Augen. Er bereitete sich auf den Zusammenprall vor. Aber er kam nicht. Stattdessen hörte er Cams Stimme. “Wer ist ein braver Junge?”

*

Nicht nur war Tobis Zauber gebrochen worden, etwas wovon er nicht geglaubt hätte, dass es jemals passieren würde, sondern sie hatten auch seine loyalen Knochenwächter unter ihre Kontrolle gebracht. Diese blonde Frau musste eine mächtige Hexe sein. Tobi war sich sicher. Es war die einzige Möglichkeit, mit der er sich das alles erklären konnte.

Einer seiner Hunde hatte angefangen auf seinem eigenen Oberschenkelknochen zu kauen, während der andere sich auf den Rücken geworfen hatte und mit dem knöchernen Schwanz wedelte, während diese Frau ihn dort kraulte, wo einmal sein Bauch gewesen war. “Ich habe euch unterschätzt…”, knurrte Tobi.

Sie ließen ihm keine andere Wahl. Er würde seinen schrecklichsten Fluch entfesseln müssen. Und das schnell, denn die Kriegerin kam schon wieder auf ihn zu.

“Iu…” Wie ging der Spruch nochmal? Die Worte lagen ihm auf der Zunge, aber… er hatte sie vergessen! Ihr finsterer Blick und die barbarische Waffe jagten ihm fürchterliche Angst ein, als sie ausholte, um nach seinem Kopf zu schlagen. Ohne eine andere Wahl zu haben, spuckte er die ersten Worte aus, die ihm in den Sinn kamen. “Iuventus aeterna!” Ein seltsames Kribbeln durchfuhr seinen gesamten Körper und ein greller Blitz erleuchtete den Raum.

*

Milton war sicher, dass Lissa den Kerl erwischt hatte. Aber das Licht hatte ihn geblendet. Es dauerte eine Weile bis seine Sicht zurückkehrte.

Lissa stand noch immer am selben Fleck und schaute sich um. “Sind alle in Ordnung?” Der Umhang des Hexers lag vor ihr auf dem Boden. Aber von ihm fehlte jede Spur. “Aye.”, antworte Ox und fuhr sich skeptisch durch den Bart. Cam bejahte auch. “Wo ist er?”, stellte Milton die offensichtliche Frage. “Keine Ahnung. Ich hätte ihn erwischen sollen… aber er ist einfach verschwunden.” Lissa ging zum Fenster, um sicher zu stellen, dass er nicht dadurch abgehauen war.

Ox half ihr, den Raum schnell zu durchsuchen und stoppte vor einem Schrank. Verdächtig stand seine Tür einen Spalt offen. “Hey, Kleiner. Hab keine Angst.”, sagte er und nahm ein kleines Kind auf den Arm, das sich darin versteckt hatte. Der Junge weinte und schlug mit seinen winzigen Fäusten um sich, bevor er aufgab und sein Gesicht in der Schulter des Mannes vergrub. Ox sprach ihm gut zu und gab ihm eine große Umarmung. “Alles in Ordnung. Der böse Mann kann dir Nichts mehr tun.”

Lissa steckte ihre Waffe und Schild weg. “Hast einen neuen Freund gemacht, Cam, was?” Der Hund tänzelte um ihre Beine herum und zeigte überraschend viel Freude für ein wiederbelebtes Knochenkonstrukt. “Kann ich ihn behalten?”, fragte Cam ein bisschen schüchtern. “Solang er keine Probleme macht… Gut, wir sind hier fertig. Bringen wir die Kinder in Sicherheit.” Mit einem großen Lächeln führte Cam den Weg zurück an, diesmal aber dicht gefolgt von ihrem neuen, untoten Begleiter.

*

Tobi hatte keine Ahnung, was schief gegangen war. Irgendwie war sein Zauber nach hinten los gegangen und hatte sich gegen ihn selbst gerichtet. Deshalb war er auf die Größe eines Kindes geschrumpft. Und seine Stimme hatte er obendrein auch verloren. Glücklicherweise konnte er sich rechtzeitig im Schrank verstecken, bevor irgendjemand bemerkt hatte, was passiert war. Aber der große Typ hatte ihn gefunden. Innerlich brannte er vor Wut, brachte aber kein Wort hervor. Also weinte Tobi den ganzen Weg, als sie ihn und die anderen Kinder zurück ins Dorf brachten.

Als sie ankamen, schlossen glückliche Eltern schlossen ihre Kinder in die Arme. Tobi musste zusehen, wie sie die erfolgreichen Helden feierten. Niemand erwähnte auch nur das böse Genie, das hinter all dem gesteckt hatte. Und natürlich beachtete ihn jetzt auch niemand. Bis der arrogante Anführer seine hasserfüllten Blicke bemerkt hatte und kurz vor ihrem Aufbruch zu ihm rüber kam.

“Keine Sorge. Deine Eltern kommen bestimmt gleich. Das hast du großartig gemacht!” Tobi schnitt eine angeekelte Grimasse, als der Kerl ihm auch noch den Kopf tätschelte. Er musste es für ein Lächeln gehalten haben, denn er lächelte und streckte einen Daumen hoch.

Endlich war ihm sein Ziel als Bösewicht klar. Er, Tobi, würde diesen unausstehlichen Helden töten und dafür sorgen, dass sich niemand mehr an ihn erinnern würde. Drohend erhob er seine Faust, als er ihnen finster nachschaute.

*

Milton fühlte sich großartig. Unschuldige Kinder aus den Griffen eines bösen Hexenmeisters retten, wie ein Held gefeiert werden und dann auch noch aufbauende Worte an die Jugend weiter geben, die zu ihm aufblickte; das waren Dinge hinter denen er stehen konnte. Es erwärmte sein Herz, als er zurückschaute und sah wie der kleine Junge mit der flachen Nase und dem schiefen Grinsen ihm hinterher winkte. Er winkte zurück. “Was für ein Tag…”, sagte er zu sich selbst und seufzte zufrieden.


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